Es war einmal in Mecklenburg… 19. Jahrhundert Teil 2

Ein letzter Blick zurück, die Bäume rascheln im Wind mit dem Klang wie ein Flüstern… Als wollen sie sagen: ,,Nach vorne blicken – Auf Wiedersehen, Friedrich“.
Die Ernte war eingeholt und die malerische Landschaft bereitet sich langsam auf ihren seligen Winterschlaf vor.

Friedrich hatte eine Arbeit als Helfer in einer Fabrik in Wismar angenommen, und konnte seine kleine Familie bei Verwandten unterbringen.
Das Zimmer war klein – aber die Hoffnung groß, dass Friedrich seinen Sohn zur Schule schicken könnte, später eine Ausbildung erhalten und das Leben in Wismar einfacher werden würde.

Johann, der gerade einmal fünf Jahre alt war, tobte ausgelassen auf dem Hof herum, als sein Vater und seine Mutter ihren übersichtlichen Besitz zusammentrugen und alles auf einen Karren verstauten.
Im Sommer 1874 war Johann noch zu klein um zu verstehen, dass der knapp zweieinhalbstündige Fußmarsch von Krassow nach Wismar, ein neuer Lebensabschnitt bedeuten wird.

Er stromerte durch die Gassen von Wismar, spielte Ball mit den anderen Jungs aus seiner Straße und war die meiste Zeit sich selbst überlassen. Das neugeborene Kind, sein Bruder Wilhelm, benötigte die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter. Sein Vater war von früh bis spät in der Fabrik.

Ob er sich noch an den betörenden Duft der Krassower Felder erinnern konnte? Ob er vielleicht an manchen Tagen dem Duft von frisch gebackenen Teigwaren um die Ecke folgte und im Vorbeilaufen eine warme Semmel mopste und sich wie Napoleon fühlte?
Wenn sein Vater mal wieder dem Lausbuben hinterher lief um eine Tracht Prügel zu verteilen, lief er schnurstracks zum Hafen und versteckte sich in einen der alten Fischerkähne und wartete bis sich der Sturm beruhigte… manchmal im wahrsten Sinne des Wortes.

Noch im 19. Jahrhundert galt der Beruf des Barbiers als ehrlos. Dabei bestand ihre Fähigkeit nicht nur aus Barthaare richten, sondern sie konnten zusätzlich auch Wunden versorgen, Knochenbrüche behandeln, Zähne ziehen, Aderlass machen und Salben herstellen.

Mit 16 Jahren wollte Johann genau das sein: ein Barbier! Kein rechtschaffender Arbeiter in der Fabrik oder in der Druckerei in Wismar – wie sein Vater das sicherlich vorgab – nein, er wollte das, was andere nicht wollten!

Zum Beispiel wollte er nicht von der Wismarer Polizei geschnappt werden – ,,1892 Polizeiblatt “Der Wächter“ in Wismar: Flüchtiger gesucht wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung“ – es blieb ihm kein Ausweg, ausser die Flucht in die Tiefen von Mecklenburgs weitläufigen Wäldern. Nach tagelangen Umherirren erreichte er das kleine verträumte Warin. Die junge Elise kreuzte seinen Weg und versteckte ihn vielleicht sogar bei ihrer Familie. Sie waren nicht Bonny und Clyde, aber Johann und Elise, die unverheiratet bald ihr ersten Kind erwarteten. Das Zuchthaus hielt Johann davon ab, die Geburt seines ersten Kindes, Anni, im Februar 1893 mitzuerleben. Die Heirat mit Elise fand nachträglich im Dezember 1893 statt. Für das herzogliche Schwerin verließ die junge Familie 1894 die kleine Stadt an der Sternberger Seenlandschaft.

In Schwerin wurden die 13 Geschwister von Anni geboren. Johann war weiterhin Barbier und hatte einen kleinen Laden in der Innenstadt. Ob Großherzog Friedrich Franz IV. sich seinen schmalen Oberlippenbart bei Johann stutzen ließ? Kannte er die Geschichte des Barbiers? Oder war der Großherzog – mit seiner sizilianischen Herkunft – von unserem Johann fasziniert? Seine Gattin, Großherzogin Alexandra (Prinzessin von Hannover und Cumberland) war jedenfalls die Patentante von Johanns siebenter Tochter Alexandra. Sie wurde 1914 geboren und war meine über die Maßen geliebte Urgroßtante.

Nach der November-Revolution verließ der Großteil der Familie Schwerin und zog 1918 nach Rostock. Einige der älteren Geschwister zog es in die große Welt, mit gesetzten Hoffnungssegeln, hinter den Horizont der großen Meere – schippernd, den bunten Träumen hinterher – nach Hamburg, Frankfurt, München und New York.

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