Es war einmal in Mecklenburg… 16. bis 17. Jahrhundert

Wer hat nicht schon einmal vom ruhigen Leben auf dem Lande geträumt? Sich vorgestellt, seinen Lebensabend mit einem endlosen Blick über Felder und Wiesen zu verbringen. Fernab vom lauten Stress der Großstadt und ohne alltägliche Belastungen durch verstopfte Menschenplätze, inmitten lebensstrotzender und reizvoller Landschaftsfarben. Alle, die sich für ein Leben auf dem Lande entscheiden und zum Beispiel ein Bauernhaus zum Leben erwecken wollen, können heute aus einer Vielzahl attraktiver Dornröschen-Häuser wählen.

Im 16. Jahrhundert galt der Hauswirt (oder auch Erbpächter) als Allround-Bauer. Ein großes Bauernhaus mit ca. 10-20 ha Land wurde nicht selten 16 Stunden lang bewirtschaftet – dieses Leben kannten meine Ahnen nur zu gut und einer unter ihnen war Asmus… 

Eine große Diele zieht sich durch die gesamte Länge des Hauses. Mit den Stallungen am Anfang des Hausinneren, befindet sich im hinteren, abgetrennten Bereich der große Schwibbogen mit dem offenen Herd, in dem die Holzscheite im Feuer knistern und der gewonnene Rauch direkt in den Dachstuhl zieht – wo Würste, Speck, Schinken und Fisch aufgehängt konserviert werden.
Die zur Diele offene Wohnnische, mit Zugang zum Dachboden – die Lucht – wird im Sommer bewohnt, im Winter ist der Familientreffpunkt die Döns. Am Ende des Wohnhauses liegen weitere Schlaf- und Wohnräume.
Butterfässer, reparaturbedürftige Dreschflegel sowie große Mehlsäcke schmücken den Boden der langen Diele. Tipplig-kleine Füße des lütten Asmus hinterlassen Abdrücke im umgeschütteten Mehl, dass seine Mutter eigentlich zum Backen bereit gestellt hat. Er bückt sich und pustet mit Leibeskräften in die hügelige Mehllandschaft und hustet auf, als die staubige Mehlwolke sein kleines Gesicht erreicht.

Asmus wurde im Jahr 1580, knapp 70 Jahre nach Entstehung der Reformationsbewegung, in Groß Rünz im Schönberger Raum geboren – mitten im alltäglichen Geschehen auf der kleinen Dielengasse. Seine Mutter, eine kräftige und anpackende Frau, stampfte hochschwanger den gesammelten Butterrahm, als die Wehen sie schlagartig und schmerzvoll zu Boden rissen. Asmus ließ nicht lange auf sich warten und begann das Leben mit einem kräftigen Willkommensschrei auf diesem Boden, mit dem er ein ganzes Leben verbunden sein sollte. 

Er wurde nicht als Erbe geboren, da bereits sein großen Bruder Hans das Anrecht hatte. Sein Bruder sollte das Bauernhaus, die Scheune, den Kuh- und Schweinestall und den Brunnen erben. Sowie 32 ha Ackerland und 3 ha Wiese.
Vielleicht – wenn Asmus Glück haben sollte – ließ ihn Hans nach dem Ableben des Vaters auf dem Hof zum Arbeiten und Leben.

In den ersten Lebensjahren hatte Asmus keine Gedanken dafür übrig. Er hütete mit Freude die Hofschweine und baute sich in der Scheune riesige Heupaläste. Er liebte den herzhaften Räuchergeruch im Haus und den Gesang seiner Mutter – wozu aus anderen Ecken des Hauses – seine Schwestern fröhlich miteinstimmten.

Von den chaotischen Auseinandersetzungen innerhalb der slawischen Fürstenfamilie im Großraum Mecklenburg, war in Groß Rünz nicht viel zu spüren. Das Leben war friedlich und fromm.
Nur am Abend – wenn der Vater an Asmus Bett saß – wurden die unruhigen Jahre im slawischen Mecklenburg in Form von erzählten Märchen und Sagen lebendig. Die Mecklenburger Helden galoppierten mit erhobenen Schwert, aufgebäumten Rössern und mit Siegeslauten in die Schlacht gegen das römisches Reich oder nordischen Könige, in Asmus Träume. Erst mit dem Weckruf des Hahns verblassten die Sagen und Asmus musste aus seinem warmen Bett klettern um sich seinen Tagesaufgaben zuzuwenden.
Es war Winterzeit, die Zeit für die Aufarbeitung der Bedarfsgegenstände wie Rechen, Hacken, Stiele, Schaufeln, Hauen, Besen und Holzschuhe. Seine Schwestern verbrachten den Winter mit Garn weben, Wolle spinnen, Socken stricken, Federn schleißen, Säcke flicken und Kleidung herstellen.

Als Asmus 30 Jahre wurde, starb sein Vater und Hans erbte den Hof. Er konnte auf dem Hof seines Bruders bleiben, arbeiten und heiraten. Seine Kinder zogen Jahrzehnte später weiter Richtung Wismar.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Herzkoma sagt:

    Du hast eine Zeit mit Leben gefüllt, an die du selbst keine Erinnerung hast, weil du zu jung bist und wofür es keine Zeitzeugen mehr gibt. Aber was du schreibst, ist bestimmt so gewesen, weil das Leben anders gar nicht möglich gewesen wäre in diesen damaligen Umständen. Das ist wundervoll beschrieben. Hat mich sehr berührt und ich werde immer mal wieder hier etwas lesen.

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    1. Ein Lob von jemandem, der die Fähigkeit besitzt, so wunderschön zu formulieren, macht mich gerade ganz stolz… Danke sehr vom Herzen.
      Es ist so schade, dass so wenig über die Menschen berichtet wurde. Es haben so viele gelebt und nun sind sie nur noch Namen und Lebensdaten. Fantasie ist wie eine Farbpalette, die man für eine graue Lebensleinwand verwenden kann.
      Ich werde auch bei dir weiter lesen, weil du sehr inspirierend bist.
      Bis hoffentlich bald mal wieder. LG Janine

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  2. Herzkoma sagt:

    Janine, du machst Menschen glücklich .. LG Sven

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