Es war einmal in Mecklenburg… 20. Jahrhundert Teil 2

Ein verstaubter Name aus einer Reihe von vielen…

Birgt man diesen versunkenen Namen vom Grund der Vergessenheit und entfernt die grauen Schichten der Anonymität, dann erhält man nach und nach die Farbenpracht eines ganzen Lebens.

Die 14 Personen aus unserem alten Fotokoffer lebten in einer bewegten Zeit zwischen Kaiserreich und Mauerfall… undenkbar heute.

Herta Heibein wurde 1895 in Schwerin geboren. Als sie ein kleines Mädchen war (neben Anni), musste sie mitbekommen, wie ihre jüngeren Schwestern nach und nach verstarben: Alma, Frieda, Sophie und Selma – keiner der Kleinen wurde älter als 5 Jahre. Die Trauer muss überwältigend gewesen sein…
Herta betrat früh die Welt der Musik und sang als Chorschülerin mit aller Leidenschaft die Lieder der damaligen Zeit am Schweriner Theater.
Während Kaiser Wilhelm II. abdankte und die Familie nach Rostock zog, blieb sie noch ein paar Monate in Schwerin und am Theater.
Als eines Tages unverhofft eine Einladung vom Frankfurter Theater im Briefkasten lag, zog sie Hals über Kopf an den Main und mischte schon bald, mit voller Hingabe die Paletten der Klanglandschaften verschiedener Nationen.
Frankfurter TheaterIn diesen goldenen Zwanzigern verlor sie das erste mal ihr Herz: Karl Lichtenstädter, ein wohlhabender und sympathischer Opernbesucher. Er war ein jüdisch-stämmiger Hesse, der in Frankfurt seinen Geschäften nachging. Er besuchte sie zu jeder Aufführung und himmelte sie regelrecht an.
1929, mit nun 34 Jahren, heiratete Herta ihre große Liebe und sie erlebten zusammen eine glückliche Zeit bis 1933.
Mit dem Beginn des Nationalsozialismus und der darauffolgenden Abgrenzung kam das Gesetz vom 15.9.1935: „Mischehen“ von Juden und Nicht-Juden wurden verboten. Karl verlor seine Grundrechte, durfte fortan keiner Arbeit mehr nachgehen und Herta wurde von einem Tag zum anderen aus dem Dienst des Theaters beurlaubt.
Rassismus begleitete fortan ihr Leben… Diskriminierung legte sich mit dem beschmutzten Mantel der Trivialität um ihre Körper – mit nichts als Kälte, Erniedrigung und Terror.
Die Vernichtungslager öffneten ihre Höllenpforten und die Pläne für den Weltkrieg nahmen allmählig Formen an.
Sie wollten nicht gehen… Herta wollte nicht so weit – und ungewisse Zeit – von ihrer Familie getrennt sein, und doch – schweren Herzens fassten sie im Januar 1937 den Entschluss, aus Deutschland zu fliehen.
Sie nahmen ein Schiff, die SS Washington und liefen fünf Wochen später im Hafen von New York ein.

Karl Lichtenstädter
Die Einbürgerungsurkunde von Herta und Karl Lichtenstädter / links oben das Metropolitan Opera 1937

Ihr neues Leben begann in der Audubon Avenue 550, New York City. Bereits im Juni 1937 wurden sie eingebürgert – Ihre Familie sah sie fast 10 Jahre nicht mehr…
Herta sang am Metropolitan und an der Bronx Opera und erlebte mit Karl weitere glückliche und freie 20 Jahre zusammen, bis er 1957 verstarb.
Sie ging Ende der 1950er Jahre zurück nach Deutschland. Mittlerweile lebte ihre Schwester Gretel (die Schauspielerin) mit ihrer Familie in München und so zog Herta direkt zu ihr an die schöne Isar.

Herta mit Alexandra, Else und Papa
Alexandra, Else und Herta mit meinem Vater

In die DDR wollte sie nicht, auch wenn der Rest der Familie dort lebte.
Wie soll man auch dort leben, wenn der Geist eingesperrt werden soll und erneute Demütigungen durch eine weitere deutsche Diktatur auf sie warteten?

Trotz allem konnte sie 40 Jahre problemlos in die DDR einreisen und dadurch ihre Familie besuchen.

1993, drei Jahre nach dem Mauerfall, starb sie im Kreise ihrer Familie in Rostock. Ihre 98 Lebensjahre hat sie warmherzig und lächelnd überlebt – und ist als letzte der 14 Geschwister vom Lebenspodium herab gestiegen.

Weiter geht es in Es war einmal in Mecklenburg… 20. Jahrhundert Teil 3.

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. ruhland99 sagt:

    Über allem steht da aber auch noch eine größere Familienverbundenheit. Das gibt es heute leider nicht mehr so oft.. Ganz toll, wie Du das alles recherchiert hast und für mich ein besonderes Schmankerl: Die Frankfurter Oper. Die habe ich als Kind noch (etwas zertrümmert) in dieser Form gesehen.. Einen schönen Badespaß, heute!🚣🚣

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    1. Es hat nur für die Füße gereicht. Es war noch etwas zu kalt 😂
      Ja, die Menschen sind irgendwie vom Weg abgekommen um Verbundenheit zu leben. Das ist so schade, weil es viel zu schön ist, irgendwo nach Hause zukommen. Zuhause ist ja bekanntlich wo das Herz sich wohl fühlt.
      Du kennst noch die alte Frankfurter Oper? Sie sah so schön aus…
      Hoffe, du hattest heute einen schönen Herrentag!

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      1. ruhland99 sagt:

        Das abgebildete Opernhaus wurde wieder aufgebaut und nach dem Wiederaufbau der Alten Oper ja in Schauspielhaus umbenannt und dann von einem armen Irren in Brand gesetzt. Um dann noch einmal aufgebaut zu werden.. Kurios, dass also Opern im Schauspielhaus aufgeführt werden und in der Alten Oper Konzerte oder kleinere Inszenierungen. Verrückt, aber wahr.. Unabhängig von der Namensgebung wurde aber in beiden Gebäuden schon wirklich Gutes geboten. Im Inneren ist die Alte Oper aber das Aushängeschild. Und ganz aktuell: Das im Schatten stehende Schauspielhaus soll jetzt auch einem Neubau weichen.. Für uns ist jetzt die Schweriner Staatsoper als Kulturtempel relevant. Und anstelle der nahen Küste zieht es uns, speziell momentan, auf den Schweriner See. Da habe ich heute doch wirklich den Herrentag geopfert um Frau das Motorbootfahren beizubringen..🚣🚣

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      2. Ich muss so schmunzeln… Frankfurt ist so herrlich eigen 😀
        Schade, wenn alte Häuser weichen müssen.
        Schwerin… Du hast dir eine so schöne Ecke ausgesucht. Wenn ihr in die Staatsoper geht, genießt ihr sicherlich auch die Umgebung.
        Der Schweriner See ist wunderschön. Gerade wenn ich diesen großen See abfahren könnt, seht ihr bestimmt immer wieder schöne gelebte Bilder.
        Deine Frau hat sicherlich viel Spaß beim Üben gehabt und mit Hintergrund eines schönen sonnigen Tages, die Zeit mit einem lieben Mann verbracht (welcher Mann opfert denn gern seinen Ehrentag 😂)

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      3. ruhland99 sagt:

        Eigentlich könnte ich mit dem Bötchen direkt an der anderen Strassenseite der Staatsoper anlegen und die Opernaufführung besuchen. Also an einemStrandcafé zwischen Schloss und Oper.. Allerdings muss man da, trotz Echlot, sehr aufpassen und soweit bin ich mit meinem neuen Spielzeug sebst noch nicht. Abe bis auf ca. 300 m kann man problemlos an das Schloss heranfahren. Und meine Frau soll das Bootfahren natürlich aus Eigennnutz lernen: Dann kann ich in der Sonne liegen und mir endich einen Drink genehmigen😀

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      4. Wie wundervoll die Vorstellung ist, dass ihr das machen könnt und hoffentlich machen werdet… wenn du besser mit deinem Spielzeug umgehen kannst 😀
        Es ist einfach der schönste Platz von Schwerin… unzählige Male war ich schon dort und habe bei den Schlossfestspielen 2002 zu Turandot gelauscht, mit Blick zwischen Schloss und Staatsoper (ich saß auf der Brücke) – unvergessen.
        Ich hoffe, dass dein Vorhaben von Erfolg gekrönt wird. Denn wenn nicht, musst du dein Spielzeug sicherlich teilen 😀

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      5. ruhland99 sagt:

        Wir könnten höchstens zu einer Mittagsvorstellung per Boot dort vorfahren. Von Bad Kleinen am Aussensse dauert es doch knapp 2 Stunden.. ( o.k, geht auch schneller, aber nicht in entsprechender Kleidung 🚣). Da geniessen wir lieber tagsüber das Leben auf dem Wasser. Ansonsten ist ja auch Wismar Anlaufpunkt für uns. Wenn es jetzt auch noch Berge geben würde.. Man kann halt nicht Alles haben.☺️

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      6. Oh das ist wirklich eine Strecke. Und bei so viel frischer Luft würdet ihr bestimmt sehr früh in der Vorstellung einschlummern 😀
        Ja Berge sind uns im Norden leider nicht gegönnt worden von der Natur (außer ein paar Steilküsten, wo man sich ein wenig den Nacken verrenken kann)
        Aber falls ich dir einen kleinen Berg empfehlen darf (gerade mit deinem Kamera-Auge) und dazu eine schöne kleine Tour: von euch über Brühl und Sternberg nach Groß Raden (falls du das vielleicht noch nicht kennst) – mit dem Auto dann aber 😀

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      7. ruhland99 sagt:

        Danke für den Tipp. Brühl und Sternberg haben wir im Rahmen des Kundigmachens schon besucht Gross Raden jetzt auf die Liste gesetzt. Es macht Laune, die kleinen Dörfer aufzusuchen und ich habe für meine Hessen auch schon einige in meinen Beiträgen verarbeitet. Die wollen ja wissen, wo ich abgeblieben bin ☺️

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      8. Ihr habt wirklich schon eine Menge gesehen. Toll, dass ihr so aktiv seid und Spaß am Entdecken habt.
        Groß Raden ist in diesem Fall noch etwas mehr… Ein Freilichtmuseum für mecklenburger Geschichte (aber auch ein Museum mit Dach gibt es).
        Dort kann man herrlich picknicken.
        Deine Hessen freuen sich sicher, dass du ihnen auf diese Weise deine Reisen zeigst.
        Das finde ich wirklich schön 😊

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