Es war einmal in Lübeck – 14. Jahrhundert

Wenn man im Sommer Urlaub an der Ostsee macht, dann zeigt sich die See meist von ihrer ruhigen Seite und glänzt als ein beliebtes Fotomotiv.
Lebt man das ganze Jahr an der Ostsee, dann erlebt man sie in ihrer rauen Art. Vor allem, wenn man in der Sturmsaison mit einem Katamaran in Windstärke 7 gerät und bleiche Passagiere sich leidend über die Reling beugen und sich ihre Seele aus dem Leib kotzen – während du gemütlich Eintopf ist, die Beine hoch ziehst und mit dem Stuhl von einer Ecke des Schiffs zur anderen schlitterst.
Man liest die See wie seine Liebsten – man kennt den Kern, den Charakter, die Macken und weiß sie so zu nehmen, wie sie ist.

Eines Abends, im Sommer 1335, bat der kleine Helmich seinen Vater Bertram – den Ratsherrn von Lübeck – inmitten seiner Brüder, eine dieser Gruselgeschichten aus Lübeck zu erzählen.
Der Vater stimmte verschmitzt zu und schon bald saßen fünf Lausbuben erwartungsvoll um den hünenhaften Mann herum. Bertram zwirbelte still seinen Vollbart im schwachen Kerzenlicht, und sein Schatten an der Wand wirkte schon vor seinem ersten Wort schön schaurig.
Und so begann er die Geschichte von den rasenden Weibern zu erzählen:

Nachdem Graf Adolf II. von Schauenburg Lübeck an der Stelle wieder aufgebaut, wo es jetzt noch liegt, schloss er Frieden mit den Wenden, besonders mit Herrn Niklot von Meklenburg, dem er sich gar zum Bündnis verschwor. Nun aber rüsteten sich 1147 alle sächsischen Herren zu einem großen Kreuzzuge gegen die heidnischen Wenden, dessen sich der Graf nicht versehen. Da sich Niklot bedrängt sah, rief er die verheißene Hülfe an; aber der Graf kam nicht. Aus Rachsucht überfiel Niklot mit seinen Schaaren die aufblühende Stadt Lübeck, gerade als, vom Johannisdrunk wohlbezecht, das ganze Volk im Taumel lag. Vergebens schickten die wachsamen Burgleute an den Markt und an die Trave und forderten zur Rettung auf: das Volk war nicht zu bewegen. So wurden alle Schiffe ausgeplündert und verbrannt, und an 300 Männer erschlagen; die Übrigen, samt Weibern und Kindern, retteten sich mit genauer Not in die feste Burg. Diese ward von den Wenden hart berannt, auch hofften die Verteidiger vergeblich auf Hülfe von Holstein her; aber sie schlugen, trotz aller Not, die Stürmenden ab. Seit der Zeit begann die Verbitterung zwischen den Lübschen und Holsten.

Endlich machten die Bürger einen verzweifelten Ausfall vor das Burgtor nach dem Hochgericht zu, wo sich die Feinde verschanzt. Da gab es der Toten viel auf beiden Seiten, aber die Feinde hielten hartnäckig Stand, und viele der Lübschen kamen mit blutigen Köpfen in die Burg zurück. Wie das die Weiber sahen, wurden sie toll, nahmen aus der Jakobikirche eine Fahne, bewaffneten sich mit Spießen, Beilen, Zangen und Messern und was einer jeden zur Hand kam, und stürzten in der Raserei auf die Feinde los. Diese aber meinten nicht anders, als käme ein neues Kriegsvolk aus der Stadt; es entfiel ihnen der Muth; sie ließen ihr Lager im Stich, und flohen in Hast auf die Schiffe und davon. Da machten die Lübschen große Beute, und fanden unter andern herrlichen Schätzen auch den ganz von lauterem Gold gegossenen Abgott Temiel, den die Wenden hoch verehrten.
(Aus: Lübische Geschichten und Sagen von Ernst Deecke gesammelt und 1852 veröffentlicht – zum Teil in originaler Schreibweise).

Helmich und seine Brüder waren bereits vor den letzten Worten ihres Vater aufgesprungen und sprangen vergnügt mit ihren Decken schwenkend – als Jakobi-Fahnen-Ersatz – durchs Zimmer und in den Flur hinaus. Die Mutter kam ihnen entgegen und blickte ihrem Mann vorwurfsvoll in die Augen. Mit einem besänftigen Kuss zog er sie an sich und beobachtete seine Buben beim Rumtollen durchs Haus.

Am nächsten Morgen, am Frühstückstisch, schaute Helmich erneut seinen Vater erwartungsvoll und fragend an, ob er die Geschichte der Schuljungen-Kriege aus Hamburg erzählen könne. Seine Mutter ließ vor Schreck den Bierkrug fallen und schickte ihre Jungs verärgert in die Schule.

Bertram verließ nach dem Frühstück das Haus und machte sich auf ins Rathaus. Auf dem Weg kam er an einer Krambude vorbei und entdeckten einen kleinen Krieger aus Holz – das perfekte Geschenk für den Abend – und überlegte beim Bezahlen, welche Geschichte er am Abend seinen Jungs erzählen würde. Als ihm die passende Geschichte einfiel, ging er zufrieden seines Weges.

Am Abend begann Bertram die Geschichte, mit Blick zum Spiegel an der Wand, inmitten seiner Buben. Er sprach bedeutungsvoll und ging langsam zum Spiegel. Er schaute hinein, jedoch erblickte er nicht sein Antlitz – sondern meines – und ich vollendete seinen Satz. Seine Jungs bekamen vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Wir schauten uns vertraut an und erzählten gemeinsam – mit der Entfernung von knapp 700 Jahren und doch Aug in Aug – die Geschichte unserer Ahnen. Der Wikinger, deren Schlachten und von Hedeby – die Herkunft unserer Väter.

Hedeby (Haithabu) war knapp 300 Jahre das bedeutendste Fernhandelszentrum in ganz Nordeuropa. Die alte dänische Stadt, im heutigen Schleswig-Hollstein, wurde nach zahlreichen Angriffen der Slawen 1066 endgültig den Wikinger entrissen und in die Vergessenheit geschickt.
Erst über 800 Jahre später sollte der dänische Archäologe Sophus Müller der Stadt wieder ihren Standpunkt entlocken und die geheimnisvollen Sagen in greifbaren Realität verwandeln.

Nachfolgerin der bedeutenden Stadt Hedeby, wurde die noch mächtigere und freie Stadt Lübeck. Sie wurde nach der Zerstörung der originalen Stadt Liubice (slawisch), 1143 durch Graf Adolf II und erneut 1159 durch Heinrich den Löwen gegründet. Nur ein Jahr später bekam Lübeck das Stadtrecht – nach Soester Vorbild – und nannte es für die kommende Ostseeraum-Stadtgründungen „Lübisches Recht“.
1226 wurde Lübeck das Reichsfreiheitsprivileg – Freie Reichsstadt Lübeck – verliehen und erst 711 Jahre (1937) später wieder aberkannt.

Mit den Waldemarkriegen (zwischen Dänemarks König Waldemar IV gegen die wendischen Hansestädten unter der Führung Lübecks) und der Brandschatzung Visbys auf Gotland 1361, erhielt Lübeck den Titel „Königin der Hanse“.

Zum Thema findet ihr hier ein paar Buchempfehlungen über „Die deutsche Hanse“.

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