Es war einmal in Mecklenburg… meine Urgroßtante Herta Heibein-Lichtenstädter

Einbürgerungsdokument New York 1937

Bereits in Es war einmal in Mecklenburg… 20. Jahrhundert Teil 2 schrieb ich über Herta und ihre ergreifende Geschichte.
Nun fand ich vor einigen Tagen im Internet einen Hinweis zu ihr in einem Buch mit dem Namen „Theater oder Propaganda? (Studien zur Frankfurter Geschichte) – Die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main 1933-1945 von Bettina Schültke und bestellte mir ein Exemplar.

Um mir das Warten leichter zu machen, stöberte ich gestern wieder einmal bei Ancestry und fand ein weiteres Auswanderdokument und dieses Mal mit einem Bild von ihr – aus dem Jahr 1937. Bis dato kannte ich sie nur als ältere Dame und nun sah ich sie zum ersten Mal als jüngere Frau. Sofort schickte ich das Foto an meinen Vater, der sich sehr darüber freute.

Heute Vormittag kam das Buch an. Eine Weile lag es nur auf meinem Küchentisch und ich schlich nervös um dieses Buch herum. Ich dachte an ihre Schwester Alexandra, meine geliebte Großmutter (Alexandra zog meinen Vater auf).
Tante Herta – wie wir sie nannten – war ihre Lieblingsschwester und trotz großer Entfernung (Frankfurt/New York/München – Rostock), war Herta durch lebendige Erzählungen immer ganz nah. Aber es gibt Inhalte ihres Lebens, die wir nicht kannten und über die sie nie sprach…

In dem Buch, auf Seite 92, konnte ich dann folgendes lesen:

„Die Chorsängerin Herta Heibein-Lichtenstätter

Im Fall der „arischen“ Chrosängerin Heibein-Lichtenstätter, seit 1929 mit einem Juden verheiratet und 1932 zum Judentum übergetreten, wirkte sich eine bis 1936 bestehende Gesetzeslücke im NS-Recht aus. Die Städtischen Bühnen fragten zwar schon am 25.07.1933 bei der Stadtkanzlei an, ob sie die Chorsängerin entlassen sollten, damals konnte dies noch nicht legitimiert werden.
Meissner wandte sich nach der Verkündigung der Rassengesetze am 02.03.1936 an die RTK, Fachschaft I, mit der Bitte um Klärung. Heibein habe am 25.11.1929 den Juden Lichtenstätter geheiratet, weshalb die Parteigenossen der Städtischen Bühnen sich bei der Zusammenarbeit mit ihr „in Gewissenszweifeln“ befänden. Hinkel traf am 14.03.1936 die Entscheidung: „Herta Heibein ist abzulehnen, der Vertrag muß mit Ende der Spielzeit ablaufen“20
Der Verwaltungsdirektor Lohner vermerkte am 20.02.1936, daß sich der Nationalsoziallist Arthur Bardt vom Chor gegen Heibein ausgesprochen habe und eine Entlassung aufgrund Nr. 6 der 2. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums „im Interesse des Dienstes“ gerechtfertigt sei.
Meissner beantragte Heibeins Entlassung aus ihrem noch bis Ende August 1937 laufendem Vertrag beim Oberbürgermeister am 24.04.1936: „Die seit dem 01.02.1919 bei den Städtischen Bühnen Frankfurts tätige arische Chorsängerin Herta Heibein hat am 25.11.1929 einen nicht Nichtarier geheiratet uns ist zum mosaischen Glaubensbekenntnis übergetreten. Da nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums keine Handhabe bestand, die Chorsängerin Heibein zu entlassen, da sie weder von jüdischen Eltern noch Großeltern abstammt uns als Arierin im Sinne des Gesetzes gilt, obwohl sie mit einem Juden verheiratet und zum jüdischen Glauben übergetreten ist, verblieb sie im städtischen Dienste. (…) Durch die Vorkommnisse in letzter Zeit (Ermordung eines Nationalsozialisten in der Schweiz) haben sich dadurch Schwierigkeiten ergeben, daß sich die Parteimitglieder des Chores bei ihrer Zusammenarbeit mit Frau Heibein in Gewissenszweifeln befinden. Da Heibein-Lichtenstätter nach vorstehenden Ausführungen in dem Betrieb nicht mehr tragbar ist, bitte ich meinem vorgenannten Antrag zuzustimmen“21
Erstaunlicherweise setzte sich der NSBO-Vertreter des Chores, Tobias Feuerbach, für ein Verbleiben der Chorsängerin nach ihrer Beurlaubung am 01.07.1936 ein. Die RTK erkundigte sich am 01.07.1936 nach ihrem Fall, und Bethge antwortete am 07.08.1936 dem Reichsdramaturgen Schlösser: „Frau Lichtenstätter ist weiterhin von mir vom Dienst beurlaubt mit der Auflage, das Opernhaus nicht zu betreten.“
Bethge wendete sich gegen eine „Schuldabwälzung“ des Falls auf Feuerbach, der plötzlich als „Judenfreund“ dastehe, aber nur als Pg. und Bezirksobmann seine Pflicht erfüllt habe. Bei der Vertragsverlängerung von Herta Heibein-Lichtenstätter 1934, hätte es die „Nürnberger Gesetze“ noch nicht gegeben, Feuerbach habe demnach kein Gesetz verletzt und müsse für die Mitglieder seines Verbandes eintreten.22
Herta Heibein wurde schließlich unter Druck gesetzt, selbst zu kündigen. Seit dem 01.01.1937 zahlten ihr die Städtischen Bühnen schon keine Bezüge mehr. Sie ließ sich auf eine Abfindungszahlung von 1.476 RM ein und verlor alle Ansprüche an die Städtischen Bühnen.“

Am 27.01.1937 verließen Herta und ihr geliebter Karl Lichtenstädter Deutschland.

Vermutlich haben Wähler rechter Parteien ausführlich Ahnenforschung betrieben, da sie keine Angst vor Diskriminierung, Benachteiligung, Demütigung, Entehrung, Entwürdigung, Erniedrigung, Rassismus und Völkermord haben… Dank der Demokratie, dürfen Menschen ihre Meinung äußern und frei leben – bis zu dem Tag, an dem die Demokratie endet…

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Peter Klopp sagt:

    Dein interessanter Post über deine Urgroßtante hat mal wieder gezeigt, dass Menschen mit Rückgrat auch in der NS Zeit manches Gute für ihre Mitmenschen tun konnten. Deine Tante und ihr jüdischer Mann haben sich durch ihre rechtzeitige Auswanderung in die USA gewiss viel Ärger erspart.

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    1. Hallo Peter,
      ich danke dir für deinen Kommentar.
      In dem Buch sind noch mehr Vorgehen gegen Mitarbeiter der Frankfurter Oper beschrieben. Jüdische Sänger, Schauspieler und andere Angestellte. Gekündigt haben sie alle.
      Durch Karl konnten die beiden nach NY, da er dort Familie hatte. Und eine Wahl hatten sie ja auch nicht, weil beide nicht mehr in Deutschland arbeiten durften.
      Aber das sie gegangen sind, hat ihre Leben gerettet.

      Gefällt 2 Personen

  2. juergen61 sagt:

    Mein Urgrossvater väterlicherseits hat unsere Ahnen bis ins 14.Jahrhundert zurückverfolgen können…damit stand seiner erfolgreichen Karriere bei der Gestapo nichts mehr im Wege. Zu diesen Zeiten scheint mir die Ahnenforschung überwiegend in schlechtem Licht soweit sie dazu diente sich danach als ….reiner Arier…gegenüber seinen Mitmenschen zu erheben. Zum Glück hat sich das aber weitgehend erledigt und damit auch der Missbrauch der Ahnenforschung von …interessierter …Seite . herzlicher Gruss, Jürgen

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    1. Jürgen, gesundes neues Jahr für dich 🙂
      Vermutlich hast du damit recht, dass damals aus anderen Gründen Ahnenforschung betrieben wurde. Dieses „arierer Thema“ ist so absurd und es ist schade, dass damals nicht die Möglichkeiten bestanden, die wir heute für Ahnenforschung haben. Damals wurde so viel Aufgehübscht damit man auch ja „rein“ war. Wenn man die Ergebnisse von heute überprüfen würde, dann wären da einige nicht mehr so „rein“. Alleine die DNA-Tests in der Ahnenforschung geben einem überraschende Ergebnisse.
      Bei meinem Lebenspartner ist eine super interessante Mischung vorhanden: 1/4 Englisch, 1/4 Polnisch, 1/4 Deutsch, 1/8 Holländisch und 1/8 Russisch – vor der Ahnenforschung wussten wir nur von Englisch und Deutsch und nun forschen wir in 5 Ländern. Das ist eine Lebensaufgabe, schon durch die Sprachen 😁
      Das Wort arisch in Verbindung mit den Nazis bekomme ich nach wie vor nicht hin: sie wollten blond und blauäugig sein, aber nach persisch / vedischem Ursprung, ist das irgendwie nicht verknüpfbar.
      Ich hoffe, dass die Menschen heute die modernen Mittel nutzen und nachlesen, was sie „vertreten“ wollen… Aber das ist wohl eher eine Traumvorstellung.
      Ich wünsche dir eine wunderbare restliche Woche und einen angenehmen Abend.
      Gruß aus HH nach HH 😉

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  3. Ich mag den Beitrag aus zwei Gründen. Er bringt das Schicksal hinter dem Namen und ein paar Zahlen ans Licht und er zeigt, was Ahnenforschung auch ist. Eine stete Suche nach dem guten Leben mit Familie und dem wie wir uns verhalten müssen, damit es gelingt. Danke dafür.

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    1. Freut mich, dass der Beitrag gefällt und die Gedanken darüber.
      Gesundes neues Jahr und viele Grüße nach Wien.

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