Neben Ahnenforschung – Bücher, Hühnersuppe und Musik

Ich mag den Herbst. Es kehrt Ruhe ein. Die Menschen beruhigen sich, nach monatelangen Debatten über neue Gefahren dieser Welt. Sie verstummen langsam und reihen sich wieder in ihren kleinen Alltagsumkreis ein.
Ich mag es, wieder Bahn zu fahren und zu beobachten – die Menschen sitzen still mit ihren richtig-aufgesetzten Masken (Bußgeld hat schon eine gewisse Zauberwirkung) und angenommenen Schicksalen auf ihren Plätzen. Es werden wieder Plätze für Ältere und beeinträchtigte Menschen angeboten und es wird respektvoll miteinander umgegangen.
Ich mag diese Ruhe und dass die Natur farbenfroh aus ihrem Sommerkleid schlüpft. Ich mag passende und entspannte Musik, z. B. den Song Dune Mosse von Zucchero und Miles Davis hören. Der Herbst ist perfekt für solche Töne.

In der Ahnenforschung verfliegt die Zeit regelrecht und immer wieder stoppe ich meine Forschung (wenn ich in meiner Familie nicht weiter komme) und lese Bücher zur Region, schaue bei anderen Ahnenforschern vorbei ( auf ihren Webseiten, Facebook oder Instagram) und entdecke viele Geschichten und neue Erkenntnisse.

Momentan lese ich gespannt bei einer deutschen Ahnenforscherin aus Amerika mit. Sie ist auf Instagram und berührt mich mit ihren Geschichten. Liebevoll berichtet sie über ihre Ergebnisse zu ihrem Großvater und ihren Ahnen aus Schlesien.

In Ruhe stöbere ich in Hamburger Läden wie Stilbruch nach Schätzen. Es kam wieder eine größere Lieferung Bücher einer verstorbenen Person aus Hamburg rein: ein wohl gebildeter Mann hat etliche Bücher aus verschiedenen Jahrzehnten und Jahrhunderten angehäuft – und nun liegen sie lieblos auf Tischen verbreitet und anonymisieren diesen gebildeten Menschen bis in das unendliche Nichts hinein. Jedes Buch blättere ich durch um seinen Namen zu finden, und nach einer Weile ist der Name zum Aussprechen wieder vorhanden. Zwischen all den Schätzen entdecke ich ein altes Fotoalbum und sehe darin viele Gesichter aus dem Jahr 1912. Ich kenne deutsche Großfamilien nur in Schwarz-Weiß und denke an eine Szene aus dem Jahr 2014 zurück – Februar, Sanremo, Italien – eine Woche war ich mal wieder in Ligurien unterwegs und stromerte in den frühen Morgenstunden durch die Altstadt von Sanremo, auf der Suche nach der Besonderheit und Schönheit des kleinen Küstenstädtchens. An diesem Morgen traf ich auf eine sehr alte Frau, die auf dem Boden lag und wohl kurz vorher gestürzt war. Sie schimpfte herzerblühend im schönsten Italienisch, forderte mich zum Hochhelfen auf – und mit stählernem Griff eingehakt, gab sie die Richtung ihres Hauses vor.
In der richtigen Straße angekommen, stand ihr Sohn in der Eingangstür. Als er uns erblickte, kam er besorgt angerannt. Er fragte mich auf Italienisch, was passiert sei, aber die ältere Frau gab ihm – vor meiner unbeholfenen Gestikulierung – ausführlich Auskunft. Sie schaute mich streng an und betonte tedesca (Deutsche) mit einer schnippischen Art, so das ich lächelnd wusste, dass es ihr wieder gut ging. Ihr Sohn gab mir Handzeichen, dass ich mit ins Haus kommen sollte, und ich stellte nach dem Eintreten fest, dass wohl ganz Sanremo hier leben musste. Von Jung bis Alt liefen alle aufgescheucht um mich herum und an mir vorbei und es wurde ein riesiger Familientisch gedeckt – ich wurde zum Frühstück eingeladen.
Neben mir am Tisch nahm ein Mann in meinem Alter Platz, der Deutsch sprach und so fingen wir eine Unterhaltung an. Er war der Enkel der alten Frau und alle am Tisch waren seine Familienmitglieder. Er hatte in Berlin Deutsch studiert und viele Jahre dort gelebt. Im Gegensatz zu der alten Frau, war er ganz erfreut eine Deutsche zu treffen und er erzählte mir schmunzelnd, dass seine Nonna ein kleiner Feldmarschall ist und die Familie spurt. All das war so sympathisch, das ich den Morgen in dieser Familie mit vollen Zügen genoss.

Dem gebildeten älteren Herrn, mit seinen vielen tollen Büchern, hätte ich so ein Leben gewünscht. So wäre sein Eigentum nicht so anonym auf einem Wühltisch gelandet.

Meine Leseecke

Einige seiner schönen Bücher (natürlich über Geschichte) liegen mittlerweile in meiner Leseecke und mit Tee und Hühnersuppe, lese ich mit voller Begeisterung in seinen Schätzen.
Ich hoffe, es geht ihm gut dort, wo er nun ist – vielleicht sitzt er an einem riesigen Tisch und fachsimpelt mit anderen Geschichtsfreunden in schön lauter, italienischer Manier ❤

Meine Lesemusik:
Laura Pausini
Du bist ohne jeden Zweifel der Schöpfer dieses Frühlings, den es in mir gibt

Eros und Cher
Wir sind es, wir sind es
die Lust haben zu erstaunen
wir sind es
die sie immer am Leben halten
diese leichte Bangigkeit, die wir haben,
das Leben zu leben
soviel wir können

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. juergen61 sagt:

    Der Herbst ist auch mein Ding : Bäume die ihre Blätter wegwerfen und Nebellandschaften, ideal für tolle Bilder. Meine Musik dazu : Brian Eno, Harold Budd : The Pearl . Und gelesen werden hauptsächlich Fachbücher über die Rolle des Culmeyer Strassenrollers bei der Deutschen Bahn…bin begeisterter Modellbauer 🙂 Lieber Gruss aus Hamburg von Jürgen

    Gefällt 1 Person

    1. Brian Eno hab ich mir sofort angemacht… wundervoll!
      Jürgen, deine Bilder sind bestimmt toll, bei solcher Kulisse. Und deine Bücherwahl: wenn ich mit meiner technischen Unwissenheit in deine Bücher reinschauen würde, dann ist das sicher wie eine Fremdsprache Geduld und Ausdauer beim Tüfteln – tolles Hobby!
      Liebe Grüße zurück aus Hamburg

      Gefällt 1 Person

  2. ruhland99 sagt:

    Bücher überleben. Auch ich habe ein paar aus vorigen Generationen und versuche mir die Zeit und die Motivation zum Kauf, des Ersterwerbers vorzustellen. Irgendwie geheimnisvoll und spannend zugleich. Da kommt mein e-book reader nicht mit, der landet als Elektroschrott..😁

    Gefällt mir

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s